Leseprobe aus "Die Namen des Todes: Die Jagd beginnt" (erscheint am 12. Januar 2017)

Der Mann saß in seinem vollständig abgedunkelten Büro. Seine Kollegen und die Aushilfe hatten bereits vor einiger Zeit Feierabend gemacht. Lediglich der Monitor spendete etwas Licht. Er tippte den Benutzernamen in das dafür vorgesehene Feld ein: Hateyoungcouples. Den Namen hatte er mit Bedacht gewählt, denn es gab nichts, was er mehr hasste als verliebte junge Pärchen. Sie zu sehen, erinnerte ihn an das, was ihm verwehrt war. Er missgönnte ihnen die Gefühle, die sie ungeniert zur Schau stellten, wenn sie Händchen haltend durch die Gegend liefen oder in aller Öffentlichkeit knutschten. Doch er hatte einen Weg gefunden, damit umzugehen. Einen blutigen Weg ... 

Das System forderte die Eingabe seines Kennworts. Obwohl es aus verschiedenen Buchstaben und Sonderzeichen bestand, kannte er es inzwischen auswendig. Einige Monate zuvor war er in das Forum eingeladen worden. Er wusste nicht, wer ihn auserkoren, wer ihn entdeckt hatte. Und es war ihm egal. Hauptsache, er konnte mit Gleichgesinnten über seine Neigung sprechen. Wäre es eine Falle gewesen, hätte man ihn längst verhaftet. 

Schwarzer Hintergrund, rote Schrift. Fast klischeehaft. Trotzdem passend. Außerdem war er nicht so verrückt, eine Änderung des Designs anzuregen. Das stand ihm einfach nicht zu.

Der Mann verschaffte sich einen Überblick über die seit gestern Abend neu hinzugekommenen Einträge. In einem davon fragte Redcoma detailliert nach Fesselmethoden. Die betreffende Person sollte an beiden Händen und einem Fuß fixiert werden. Drei Nutzer hatten geantwortet. Hateyoungcouples konnte zu dieser Frage nichts Nennenswertes beitragen. Er fesselte seine Opfer nicht. Ihm ging es nicht darum, sie zu quälen, wie es Redcoma bevorzugte. Nein, er wollte die Pärchen bloß ausschalten. Ihr Hochgefühl zerstören. Sekunden vor dem Tod erfuhren sie, weswegen er sie ausgesucht hatte, und nahmen dieses Wissen mit ins Grab.

Der Mann beschloss, sein Posting Am Wochenende zu nennen. Ebenso einfallslos wie das Hintergrunddesign. Aber darauf kam es gar nicht an.

›Hallo Freunde.

Ich habe entschieden, dass es wieder einmal Zeit wird. Falls mir nichts dazwischenkommt, werde ich Samstagabend zuschlagen.‹

Es dauerte nicht lange, bis die erste Reaktion kam. Solche Ankündigungen waren sehr beliebt, denn für die anderen war es dann beinahe so, als wären sie an den Planungen beteiligt.

›Hast du ein bestimmtes Pärchen im Visier?‹

›Nein, noch nicht, aber ich werde bestimmt schnell fündig.‹

›Du schlägst immer zu, während sie es miteinander treiben, oder?‹

›Genau. Ich liebe es, sie mit heruntergelassenen Hosen und ausgebreiteten Beinen zu erwischen.‹

Der Kommentar erhielt direkt vier Likes.

›Tobst du dich danach an ihnen aus?‹, erkundigte sich Mangun.

Hateyoungcouples erschauderte bei dem Gedanken. Wieso sollte er das tun? Er wollte sie töten. Nicht ficken. Nicht besudeln. Einfach nur auslöschen.

›Nein.‹

›Nicht mal die Fotze?‹, hakte Mangun nach.

Er war als Vorletzter zu ihnen gestoßen. Anscheinend hatte er sich noch keinen Überblick verschafft, wer welche Vorlieben hatte.

›Das ist mir nicht wichtig.‹

So hatte er sich früher Verwandten gegenüber rechtfertigt, wenn sie ihn darauf ansprachen, dass er keine Freundin hatte. Warum musste er nun auch in diesem Forum Rechenschaft ablegen? Das passte ihm nicht. Er überlegte, sich auszuloggen, doch ein anderer Nutzer sprang ihm überraschend zur Seite.

Sweetsixteen: ›Mangun, dir steht kein Urteil zu. Jeder hat seine Präferenzen, und wir akzeptieren sie vorbehaltlos.

Die Entschuldigung folgte auf dem Fuße.

›Sorry, so war das nicht gemeint.

Hateyoungcouples war bereit, Größe zu zeigen: ›Alles okay.‹

›Deine ersten Opfer sind noch nicht gefunden worden, oder?‹, glänzte Sweetsixteen unterdessen mit detailliertem Wissen.

›Ich habe sie tief genug verscharrt‹, bestätigte Hateyoungcouples. ›Bislang hat sie niemand ausgebuddelt.‹

›Wunderbar‹, lobte Sweetsixteen. ›Das ist der Idealfall. Spricht dafür, dass du alles richtig gemacht hast.‹

Er sah das Lob als Aufforderung an, die Gruppe für heute zu verlassen. Man sollte schließlich immer gehen, wenn es am schönsten war. Also loggte er sich aus.

 

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