Rituale brachten ihm Glück. Das war schon so gewesen, als er noch regelmäßig die Bühnen gerockt hatte. Deswegen wich er in manchen Dingen nicht von seinem gewohnten Vorgehen ab. Egal, ob er ein Opfer quälte oder morgens den Computer einschaltete. Mit einer frischen Tasse Kaffee in der Hand drückte er den Startknopf. Vor Monaten hatte er begonnen, das Land in Bereiche einzuteilen. Die Onlineportale von sechs Regionalzeitungen halfen ihm dabei, sich über alle relevanten Vorgänge zu informieren.

Während er im Portal von der Westen stöberte, entdeckte er eine Mitteilung, die ihn nachdenklich stimmte. Er nippte an der Kaffeetasse und las die Meldung ein weiteres Mal. 

 

Festnahme wegen bewaffneten Raubüberfalls

Wie erst jetzt von der Polizei bekanntgegeben, wurde am vergangenen Wochenende in Monheim am Rhein ein 27-jähriger wegen versuchten bewaffneten Raubüberfalls festgenommen. Der mutmaßliche Täter hatte sich auf einem abgeschiedenen Parkplatz an ein junges Paar herangeschlichen und die Herausgabe von Geld gefordert. Eine zufällig in der Nähe befindliche Streifenwagenbesatzung hatte den Überfall jedoch beobachtet und konnte den Mann an Ort und Stelle festnehmen.

 

Mittels eines Tor-Browsers wählte er sich in das Forum ein, in dem er sich mit Gleichgesinnten austauschte. Hatte nicht der Nutzer Hateyoungcouples kürzlich einen neuen Doppelmord angekündigt?

Tatsächlich!

Sofort fand er die entsprechenden Zeilen aus der Vorwoche und las sie sich mit allen Kommentaren der User durch.

›Hallo Freunde. Ich habe entschieden, dass es wieder einmal Zeit wird. Falls mir nichts dazwischenkommt, werde ich Samstagabend zuschlagen.‹

›Hast du ein bestimmtes Pärchen in Aussicht?‹

›Nein, noch nicht, aber ich werde bestimmt schnell fündig.

›Du schlägst immer zu, während sie es miteinander treiben, oder?‹

›Genau. Ich liebe es, sie mit heruntergelassenen Hosen und ausgebreiteten Beinen zu erwischen.‹

›Tobst du dich danach an ihnen aus?‹

›Nein.‹

›Nicht mal die Fotze?‹

›Das ist mir nicht wichtig.‹

 

Er rief die Nutzerdaten auf und sah, dass Hateyoungcouples seitdem nicht mehr im Forum aktiv gewesen war.

Zufall? Wie die anwesende Streifenwagenbesatzung in der Nähe eines abgelegenen Parkplatzes? Wenn man an so etwas glaubte, war der Knast nicht weit entfernt.

Als er die geheime Plattform ins Leben gerufen und nach Mitgliedern gesucht hatte, war er sich der Gefahr bewusst gewesen, eines Tages aufzufliegen. Der Reiz, sich mit anderen auszutauschen, hatte über die Bedenken gesiegt. Zumal er einen Informationsvorsprung besaß. Mittlerweile gab es vierzehn User – er vermutete, nicht alle von ihnen waren Mörder. Manche träumten bloß davon. Trotzdem waren sie ihm positiv aufgefallen – wegen ihrer an anderer Stelle geäußerten Gewaltfantasien. Hatte sich einer von ihnen an die Bullen gewandt?

Leider war das nicht völlig auszuschließen. Er überprüfte den Datenverkehr der letzten Wochen, entdeckte jedoch keine Besonderheiten. Gleichwohl würden die Bullen Wege finden, ihre Zugriffe auf die Seite zu verschleiern.

Er loggte sich aus, rollte mit dem Bürostuhl zurück und stand auf. In Gedanken versunken ging er zum Fenster. Der morgendliche Berufsverkehr hatte sich bereits beruhigt, und es fuhren nur vereinzelt Autos an dem mehrstöckigen Haus vorbei.

Sollte er die Zelte abbrechen? Oder wäre das verfrüht? Er würde gewiss keine relevanten Spuren hinterlassen. Weder an den Tatorten noch im Internet. Reichte das als Sicherheitsmaßnahme aus? Er klopfte mit dem Knöchel des rechten Zeigefingers an die Fensterscheibe – ein Ritual, das er seit vielen Jahren pflegte. Früher war er nie aus dem Tourbus gestiegen, ohne an eine Scheibe geklopft zu haben. Das hatte ihm bei jedem Auftritt Glück gebracht. Auch jetzt vertrieb diese kleine Geste seine Zweifel wie damals das Lampenfieber. Zu Panik bestand kein Anlass. Allerdings sollte er allmählich wieder in Aktion treten, denn er konnte nicht ausschließen, dass er in naher Zukunft verschwinden und sich eine Weile zurückhalten müsste.

Mit neu erwachtem Elan trat er an den Schreibtisch und rief das Hundeforum auf, in dem er unter dem Namen Elmar als Besitzer eines Australian Shepherds registriert war. Eine Zeit lang hatte er Fotos von einer Facebook-Seite gestohlen, auf der eine echte Besitzerin bis zum Tod ihres Hundes regelmäßig Neuigkeiten gepostet hatte. So bekam das im Alter von sechs Jahren überfahrene Tier ein zweites Internetleben.

Er wählte die Rubrik ›Und ihr so?‹ für sein Posting aus.

 

Heute hat Hobbs was total Verrücktes getan. Ihr wisst ja, dass wir bei unserer täglichen Frühstücks-Gassirunde an einer eingezäunten Schafherde vorbeikommen. Diesmal befand sich eines der Tiere nicht hinter dem Zaun, sondern davor. Kaum hat Hobbs das Schaf entdeckt, ist er wie ein Irrer hingerannt und hat laut gebellt. Das arme Vieh wäre beinahe an einem Herzinfarkt gestorben und ist panisch zurück über den Zaun gesprungen. Daraufhin hat sich Hobbs zu mir umgedreht und wollte gelobt werden – was ich natürlich gemacht habe. Hier habt ihr Beweisfotos meines großen Helden.

 

 

Er fügte drei der geklauten Schnappschüsse an und stellte das Ganze online. Im Regelfall erhielt er aufgrund eines solchen Postings im Tagesverlauf bis zu vier persönliche Nachrichten. Die erste Frau, die ihm heute schreiben würde, wäre sein nächstes Opfer. Vorausgesetzt, sie passte in sein Beuteschema.