Sogar in der größten Menschenmenge fühlte er sich seit jenen Tagen einsam. Als er mit dem Tod gerungen hatte, war sein Leben aus den Fugen geraten. Zwar hatte er den Kampf gewonnen, doch war ein schrecklicher Makel zurückgeblieben.

Er saß in einer gut besuchten Kneipe in der Kölner Altstadt, um ihn herum amüsierten sich die Feiernden, betranken sich und vergaßen ihren Alltag. Auf ihn hatte die Ausgelassenheit den gegenteiligen Effekt. Mit jeder Minute wurde er trübsinniger, zorniger, verbitterter.

Möglichst unauffällig schaute er nach links zu dem länglichen Tisch, an dem eine Gesellschaft von zehn Leuten saß. Vier Frauen und sechs Männer. Ihn interessierte allerdings nur ein einziger von ihnen: Der junge Mann war ungefähr einen Meter fünfundachtzig groß, sein dunkelblondes Haar trug er modern gestylt. Was seine Kleidung betraf, hatte er einen akzeptablen Geschmack. Das blaue Snoopy-T-Shirt war niedlich, ohne zu verspielt zu wirken. Neidlos registrierte er, dass der Kerl muskulös war. Das würde ihm trotzdem nicht die Haut retten. Gegen einen Überraschungsangriff im Dunkeln half selbst das beste Training nichts. Zumal er stark alkoholisiert sein würde, falls er weiterhin so viel trank.

»Kommt deine Verabredung nicht?«, fragte eine Kellnerin und riss ihn aus den Gedanken.

»Sieht schlecht aus«, bekannte er.

Die Kellnerin, die wie ihre Kolleginnen ein schwarzes T-Shirt und einen weißen Rock trug, musterte ihn mitfühlend. Hoffentlich blieb er ihr nicht zu deutlich in Erinnerung.

»Das erste Date?«, erkundigte sie sich.

Was wäre darauf die richtige Antwort?

»Ja«, behauptete er. »Wir haben uns im Internet kennengelernt. Heute wollten wir uns im echten Leben beschnuppern.«

»Jemandem, der so unzuverlässig ist, solltest du nicht nachtrauern.«

»Irgendwie scheiße«, murmelte er.

»Wahrscheinlich warst du eine Minute zu spät dran.«

»Nein. Ich sitze ...«

»Du weißt doch, alle elf Minuten verliebt sich ein Single«, erklärte sie mit breitem Grinsen. »Dich hat sie nach zwölf getroffen.«

Er zwang sich ebenfalls zu einem Lachen.

»Ein weiteres Kölsch auf den Schreck? Versuch, ein bisschen entspannter zu wirken, dann spricht dich garantiert eine hübsche Frau an.«

»Das Kölsch nehme ich gern, und den Tipp beherzige ich.«

Sie stellte ihm eines der hohen Gläser von ihrem Tablett auf den Tisch und machte einen Strich auf seinem Bierdeckel.

»Zum Wohl.«

Nachdenklich schaute er ihr nach. Hatte das Gespräch zu lange gedauert? Oder war es von Vorteil, dass er die falschen Informationen gestreut hatte? Vermutlich würde sie sich nicht an jeden einsamen Gast erinnern, der an einem Samstagabend in der Kneipe deplatziert wirkte. Mitleid verging eher als ein unangenehmes Gefühl.

Er trank einen Schluck und blickte wieder zu seinem Auserwählten.

Sechzehn geschenkte Jahre. So viel Zeit hatte der Kerl eingeräumt bekommen. In dieser Nacht würde seine geliehene Lebenszeit jedoch ablaufen, wenn alles planmäßig verlief.

 

Die Fröhlichkeit des Dreckskerls widerte ihn immer mehr an. Wie konnte er sein Wochenende so genießen, während andere um ihn herum litten? Ob er überhaupt noch an damals dachte? Lag wenigstens an seinen Geburtstagen ein dunkler Schatten über ihm? Oder hatte er es vollständig verdrängt?

Immerzu reihten sich Ungerechtigkeiten aneinander und bildeten das, was man Leben nannte. Krankheiten, Tod, Schicksalsschläge. Sie summierten sich, und die meisten Leute nahmen das widerstandslos hin. Er hingegen hatte vor ein paar Monaten entschieden, nicht länger untätig zu bleiben. Stattdessen wollte er sich rächen. Nachdem er die notwendigen Vorbereitungen abgeschlossen und Verbündete gefunden hatte, war er nun bereit, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

 

»Trink schön«, flüsterte er, während er beobachtete, wie der Mann ein Longdrinkglas an die Lippen setzte. »Je tiefer du nachher schläfst, desto besser für mich.«