Du bist ein Miststück! Wie kann man sich auf Kosten eines psychisch Kranken profilieren? Das ist ekelhaft! Hoffentlich verreckst du!

 

Die Journalistin Eva Haller las die Nachricht, die ein User auf ihrem Blog gepostet hatte. Der Verfasser nannte sich Borabora84. Sie war sich sicher, dass sie im Internet keine Hinweise auf seine wahre Identität finden würde. Als vor einigen Wochen die ersten Beschimpfungen bei ihr eingegangen waren, hatte sie viel Zeit darauf verwandt, die Identität der jeweiligen Absender zu ermitteln – stets vergebens. Mittlerweile war ihr beinahe egal, wer dahintersteckte. Mit jeder weiteren Nachricht stumpfte sie ab.

Haller verschob den Beitrag in einen passwortgeschützten Bereich des Blogs. Auf diese Weise archivierte sie die Nachricht nicht nur, sondern nahm dem Troll auch die Sichtbarkeit, denn die Abonnenten und sonstigen Besucher hatten auf diese Unterseite keinen Zugriff.

Sie wandte sich vom Schreibtisch ab und schaute sich um. Ihr Zuhause kam ihr manchmal noch fremd vor. Sie und ihr Partner hatten im letzten Jahr eine große Umbauaktion an dem Haus begonnen, das Haller von den Eltern geerbt hatte. Kurz vor Weihnachten waren sie fertig geworden. Trotzdem wunderte sich Haller gelegentlich darüber, wie sehr sich alles verändert hatte mit relativ überschaubarem Zeitaufwand – und dem Einsatz einiger Profis. Nicht nur die Wände waren neu gestrichen und – statt in langweiligem Weiß gehalten –  mit Farbelementen in Rot, Dunkelblau und Türkis aufgewertet. Auch die Möbel hatten sie größtenteils ersetzt. Vor allem die Umgestaltung von Schlaf- und Wohnzimmer hatte fast siebzigtausend Euro gekostet und war jeden Cent wert. Das meiste davon hatte Stefan aus seinen Ersparnissen bezahlt. Nun war das Haus nicht länger nur Evas Eigentum, in dem Stefan dauerhaft lebte. Es war zu ihrem gemeinsamen Zuhause geworden.

Stefan Trapp kam zu ihr ins Arbeitszimmer und lehnte sich an den hellbraun gestrichenen Türrahmen.

»Du siehst besorgt aus«, sagte er.

Der große, muskulöse Mann, der sein Geld als Personenschützer verdiente, fixierte ihren Blick.

»Es geht wieder um die Degen-Geschichte«, murmelte sie.

»Bedroht dich jemand?«

»Nein. Bloß eine niveaulose Beschimpfung auf meinem Blog.«

Er trat zu ihr. Sie wechselte zu der archivierten Nachricht und zeigte sie ihm.

»Das tut mir leid. Es sind so viele Idioten unterwegs. In der Anonymität des Internets vergessen sie ihre gute Kinderstube.«

»Falls sie überhaupt eine genossen haben.«

Trapp massierte ihr den verspannten Nacken. Haller schloss die Augen und genoss seine Berührungen.

»Ich kapier’s einfach nicht«, sagte sie leise. »Florian Degen hat nachweislich die meisten seiner Reportagen erfunden. Das Verlagshaus Moment steckt seinetwegen in einer tiefen Krise. Im Prinzip sogar der ganze Journalismus, weil alle, die draußen herumlaufen und ›Lügenpresse‹ rufen, sich durch die Enthüllungen bestätigt fühlen. Aber wer wird bedroht?«

»Der Überbringer der schlechten Nachricht.«

Haller nickte.

Gemeinsam mit vier anderen Journalisten hatte sie in den letzten Monaten einen unglaublichen Skandal aufgedeckt. Der mehrfach preisgekrönte Journalist Florian Degen hatte fast alle Reportagen erfunden, die er in den vergangenen Jahren im renommierten Magazin Moment veröffentlicht hatte. Haller und ihre Kollegen waren auf insgesamt siebenundzwanzig Artikel gestoßen, in denen nichts sauber recherchiert war. Hinzu kamen zahlreiche Artikel mit ebenfalls erdachten Fakten. Auf die Spur gekommen war Degen ein Mann namens Silvio Dimare, der als freier Journalist viel für das Moment-Magazin publizierte. Bei einem Artikel, den er gemeinsam mit Degen hatte schreiben sollen, waren ihm Unstimmigkeiten aufgefallen. Die hatte er zunächst dem verantwortlichen Chefredakteur und dann dem Ressortleiter der Gesellschaftssparte gemeldet. Beide hatten ihm nicht glauben wollen und sich uneingeschränkt hinter ihren Starjournalisten Degen gestellt, der kurz vor einer Beförderung gestanden hatte. Unverhohlen hatten sie Dimare mit der Beendigung der Zusammenarbeit gedroht. Doch der hatte sich nicht einschüchtern lassen und mit befreundeten Journalisten das ganze Lügengebilde zum Einsturz gebracht. Da die Moment-Redaktion sich geweigert hatte, die Enthüllung zu veröffentlichen, hatten Dimare und seine Helfer sich an ein anderes großes Verlagshaus gewandt. Erst danach hatte sich in der Frankfurter Moment-Zentrale der Wind gedreht und Degen ins Gesicht geweht. Daraufhin hatte Degen in seinem einzigen öffentlichen Statement behauptet, er sei psychisch krank und würde sich in Behandlung begeben.

Seither gingen bei Haller und den anderen Enthüllungsjournalisten Schmähnachrichten und teilweise sogar Drohungen ein. Am schlimmsten traf es erwartungsgemäß Dimare, aber auch vor Haller machten die Hetzer nicht halt.

Das Telefon klingelte. Haller zuckte zusammen. Dass Trapp ihre Reaktion mitbekam, beschämte sie. Er sollte nicht spüren, wie sehr die letzten Wochen an ihren Nerven gezerrt hatten.

»Entschuldige«, flüsterte sie.

Haller griff zu ihrem Handy, in dessen Display der Name ›Dimare‹ stand.

»Hallo, Silvio«, begrüßte sie ihn.

»Eva! Gut, dass ich dich erreiche.« Der Journalist klang aufgebracht.

»Ist etwas passiert?«

»Du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute in der Post hatte. Eine Packung Rattengift. Darauf war ein Bild von Cäsar.«

»Oh Gott!«, stöhnte Haller. Cäsar war Dimares gutmütiger Bernhardiner. »Wie schützt du ihn?«

»Ich habe ihn für ein paar Tage zu meiner Schwester gebracht. Sie passt immer auf ihn auf, wenn ich beruflich zu stark eingebunden bin. Wer tut so etwas, Eva? Wer bedroht einen harmlosen Hund?«

»Hast du die Polizei eingeschaltet?«

»Ja. Aber die können nichts machen. Sie haben den Brief behalten, untersuchen alles auf Fingerabdrücke. Verfluchter Mist! Länger als eine Woche will ich nicht von Cäsar getrennt sein. Und danach? Die Schweine könnten jeden verfickten Augenblick zuschlagen. Wir haben nur die Wahrheit ans Licht gebracht. Wie kann man uns dafür hassen?«

 

***

 

»Ich bekomme immer weniger Hassnachrichten«, versuchte Eva Haller Dimare zu trösten. »Du bestimmt auch, stimmt’s?«

Dimare stand in der Mitte seines Esszimmers, hielt sich das Telefon ans Ohr und schaute durch die Terrassentürfront in den Garten hinaus. Normalerweise würde dort jetzt Cäsar auf den Steinfliesen liegen, bei leicht geöffneter Tür, und den ersten Anflug des Frühlings genießen. Seit Ende März schien es jeden Tag ein Grad wärmer zu werden. Der Frühsommer nahte mit großen Schritten.

»Die Nachrichten werden seltener, dafür umso gehässiger.«

»Scheiße!«

»Du sagst es.«

Plötzlich sah Dimare von der Seite einen würfelartigen Gegenstand auf die Tür zufliegen. Die Glasfront zersplitterte, ein Pflasterstein landete auf dem Parkettboden. Dimare schrie erschrocken auf.

»Was ist los?«, fragte Haller besorgt.

»Ich fass es nicht!«

»Silvio?«

Wie fremdgesteuert ging Dimare auf den schwarzen Pflasterstein zu. Wer hatte ihn vom Garten aus ins Esszimmer geworfen?

»Jemand hat meine Terrassentür eingeschmissen!«

»Silvio, du musst ...«

Die restlichen Worte nahm Dimare nicht mehr wahr. Wie aus dem Nichts stand unvermittelt eine maskierte Gestalt auf der Terrasse. In der Hand hielt sie einen Radschlüssel.

»Fuck«, flüsterte er.

»Silvio!«, schrie Haller.

»Der bringt mich um.«

 

Der Maskierte schlug mit dem Radschlüssel die restlichen Scherben aus der Tür und betrat in aller Ruhe das Haus. »Das stimmt«, sagte er leise.